Das Geheimnis

der Heidenturmkirchen

Wie lassen sich die orientalischen Kuppeln der rheinhessischen Heidenturmkirchen erklären? Drei Deutungen bietet die Baugeschichte: Sind es Siegesbotschaften der heimkehrenden Kreuzritter, sind die Kuppeln Ausdruck einer Wormser Bautradition oder  sind sie das Abbild der Jerusalemer Kreuzauffindungskapelle?

 

Türme als "Siegesbotschaften"?

 

Die Türme könnten baukünstlerisch umgesetzte „Siegesbotschaften“ sein, die von rückkehrenden Bauleuten nach dem Ersten Kreuzzug geschaffen wurden. Damit wären sie als  "Denkmäler des Triumphs" zum Andenken an die „Befreiung“ des Heiligen Landes errichtet wurden.

 

„Die Sehnsucht nach dem Heiligen Land blieb auch nach dem Ersten Kreuzzug lebendig… Doch nur die wenigsten konnten sich Pilgerreisen leisten. So erscheinen die hoch auf den rheinhessischen Türmen errichteten Kuppelbauten gleich einer Vision von der Heiligen Stadt.“

 

(Kotzur, Hans-Jürgen: „Denkmäler des Triumphs“ in „Kein Krieg ist heilig. Die Kreuzzüge“, Ausstellungskatalog Mainz 2004, S. 283)

 

Wormser Bautradition?

 

Jüngste Bauforschungen legen den Schluss nahe, dass es sich bei den Turmbekrönungen um eine Bautradition handeln könnte, die im Wormser Raum heimisch war. "Hier spielen wohl heimische Bautraditionen und die Zugehörigkeit zur Wormser Bauschule, d.h. die Ausführung durch in Worms geschulte Bauleute, ...eine Rolle."

 

(Sebald, Eduard: "Spuren der Kreuzzüge in Rheinhessen? Bemerkungen zu den sog. Heidentürmen". in:  Mainzer Zeitschrift (Mittelrheinisches Jahrbuch für Archäologie, Kunst und Geschichte), Jahrgang 105/2010)

 

 

Abbild der Jerusalemer Kreuzauffindungskapelle?

 

Vorbild für die Kuppeln der "Heiden"-Turmkuppeln könnte auch die Jerusalemer Kreuzauffindungskapelle in dem Zustand sein, in dem sie um 1100 von den Europäern vorgefunden worden war. Die Kreuzauffindungskapelle ist architektonisches Reliquiar des als Reliquie hoch verehrten, heiligen Kreuzes gewesen, um dessen Befreiung aus moslemischer Hand willen der erste Kreuzzug stattgefunden hatte. Äquivalent des Kreuzesreliquiars, ist das heilige Grab, ebenfalls ein architektonisches Reliqiar. Das Reliquiar des auferstandenen, toten Leibes des Herrn - das heilige Grab - repräsentiert den göttlichen Aspekt der Natur Christi. Das Reliquiar des heiligen Kreuzes repräsentiert den qual- und schmachvollen Tod und somit den menschlichen Aspekt der Natur Christi. Beide Reliquiare gehören untrennbar zusammen, weil sie die beiden, in Jesus untrennbar miteinander verbundenen, gegensätzlichen Naturen  Christi repräsentieren.

 

Die heutige Kreuzauffindungskapelle ist ein mittelalterlicher Neubau, in dessen Gewänden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Mauerwerk der ursprünglichen Kapelle wieder verwendet worden ist und heute noch nachweisbar sein müsste.

 

(Roese, Gerhard: „Die Rekonstruktion des Turmes der Grabeskirche in Jerusalem“, Darmstadt 2002 und Roese, Gerhard: „Rekonstruktion der Baugestalt von St. Paulus zu Worms im Zustand um 1240“, Darmstadt 2002)

 

 

 

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